Der Auftrag – Erinnerung an eine Revolution
von Heiner Müller
Premiere
11.01.09, 20:00 Uhr

, Malersaal
»Sicher ist, dass der Autor Heiner Müller auf geheimnisvolle Weise selbst heute noch Nachklang und Betroffenheit erzeugt. Auch Worte können Berge versetzen.« Dresdner Neueste Nachrichten
Während der Französischen Revolution erhält der Arzt Debuisson vom Konvent in Paris den Auftrag, in seiner Heimat Jamaika einen Sklavenaufstand gegen die englischen Kolonialherren vorzubereiten. Er wird begleitet von Galloudec, einem bretonischen Bauern, und Sasportas, einem der Sklaverei entflohenen Schwarzen. Für ihren Auftrag legen sie die Masken der Vergangenheit an – Debuisson die des Sklavenhalters, Galloudec die seines Aufsehers, und Sasportas die des Sklaven. Als Napoleon in Frankreich die Macht übernimmt, ist für Debuisson der Auftrag hinfällig; er will seinen Reichtum genießen, während die anderen beiden an ihrer Order festhalten und die Ausgebeuteten befreien wollen. Heiner Müller erzählt die Geschichte vom Ende her: Der Aufstand ist gescheitert, Sasportas gehenkt, der sterbende Galloudec gibt seinem Auftraggeber in Paris den Auftrag zurück, zu dem der sich, in Zeiten des Napoleonischen Kaiserreiches, gar nicht mehr öffentlich bekennen kann und mag. Lauter Opfer der Revolution. Nur Debuisson genießt sein Leben – In der Zeit des Verrats sind die Landschaften schön. Wie ein erratischer Block ragt dieser sperrige Text Heiner Müllers in unsere Gegenwart. Ist dies nicht der wichtigste deutsche Autor in der Nachfolge Brechts? Haben sich die deutschen Theater nicht ein, zwei Jahrzehnte lang an seinen Texten abgearbeitet, so wie ihr Verfasser an der deutschen Geschichte, indem er einen zentralen Aspekt deutschen Scheiterns und des Scheiterns aller revolutionären Utopien, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts prägten, in einer Weise thematisierte, dass niemand an ihm vorbeikam? Und geht es ihm und seinem Nachruhm nicht ähnlich wie den Gestalten dieses Stückes, deren Botschaften (und deren Handeln) Lichtjahre später wie aus einer fernen Galaxie in eine Wirklichkeit eintauchen, die sich an ihre Vorgeschichte kaum mehr erinnern mag? In seinem radikalen szenischen Entwurf zwingt Müller verschiedene Zeit- und Reflexionsebenen ineinander – mit der größten Überraschung, dass wir, heute, als Adressaten ebenfalls miteinbezogen sind. Unschwer ist die Blaupause der sozialistischen Revolution des 20. Jahrhunderts zu erkennen, deren spießiges Ende in Wandlitz kaum die Schrecken des Stalinschen Gulag und weniger spektakuläre Entartungserscheinungen des real existierenden Sozialismus zu überdecken vermag. Und wir? Wo Müller noch die schwärende Wunde der gescheiterten Utopie als Schmerz beschreibt (mindestens als seinen eigenen), haben wir uns in der fröhlichen Apokalypse heiterer Globalisierung genussvoll eingerichtet. Nicht alle. Gemeint sind die Debuissons unter uns: Mit vollem Mund redet es sich leichter über eine verlorene Revolution. So blicken wir in einen schwarzen Spiegel. Pikante Arabeske: der ihn uns vorhält, ist ein junger Theatermann aus Frankreich – dem Land, in dem Heiner Müller eine besondere Wirkung entfaltet hat. Zwei Jahrzehnte nach der Wende ist vielleicht der Blick frei auf die Weltsicht Heiner Müllers unter veränderten Voraussetzungen.
Sylvain Creuzevault, 1982 in Paris geboren, arbeitet seit 2003 mit einer eigenen Theatercompagnie »D’ores et déjà«. Er hat bereits zahlreiche Stücke deutscher Autoren aufgeführt; mit seiner Inszenierung von Brechts »Baal« gastierte er 2007 bei den Wiener Festwochen.
Die Vorstellung dauert 1 1/2 Stunden. Keine Pause.
Regie Sylvain Creuzevault
Bühne Julia Kravtsova
Kostüme und Theatermasken Loïc Nébréda
Musik David Georgelin
Licht Kevin Sock
Dramaturgie Michael Propfe
Mit Marco Albrecht,
Katja Danowski,
Tim Grobe,
Ute Hannig, Stefan Haschke,
Felix Kramer,
Hanns Jörg Krumpholz[e]
Marco Albrecht, Katja Danowski, Felix Kramer, Ute Hannig, Tim Grobe, Hanns Jörg Krumpholz, Stefan Haschke
Foto: A.T. Schaefer