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Interviews:

»Der gewissenlose Mörder Hasse Karlsson...« berührt große Themen: Religion, Freiheit des Willens, Gerechtigkeit, Moral. Sein Autor Henning Mankell äußerte sich dazu nicht nur durch sein Werk, sondern auch in Diskussionen und Interviews.

Kurz vor Probenbeginn haben wir die Regisseurin Isabel Osthues mit Aussagen des 2015 verstorbenen Autors ins Gespräch gebracht.

 

Das Böse

Mankell: Ich habe noch nie in meinem Leben einen an sich bösen Menschen getroffen, sondern immer nur Menschen, die böse Dinge getan haben. Das ist ein Unterschied. Will man die Wurzeln des Bösen finden, muss man die Umstände berücksichtigen.

Osthues: Es gibt den Ausspruch: Alles, was das Böse braucht, um zu triumphieren, ist das Schweigen der guten Menschen. Das Böse hat die Eigenschaft sich dumm-dreist vorzudrängen. Deshalb ist es wichtig, den Mund aufzumachen und das Böse zu benennen. Das Gute entsteht nicht von selbst, es ist Arbeit und muss ebenso Position beziehen, um das Böse zu verhindern. Wie singt Funny van Dannen so schön: ‚Das Gute sagt: Nichts überstürzen, wir überlegen noch. Das Gute ist ein Suppenhuhn, das Böse ist der Koch’.

Krimi

Mankell: Ich verstehe Spannung als eines der ältesten literarischen Mittel, die auf die alten griechischen Dramatiker zurückgeht. Ich versuche, dem Verbrechen – ob es nun begangen wurde oder nicht – einen Spiegel vorzuhalten sowie die Gesellschaft und ihr Verhältnis zum Einzelnen kritisch zu hinterfragen. Anhand dieses Spiegelbilds der Gesellschaft lässt sich trefflich über unser heutiges Leben sprechen. Und ja – am Ende steht wohl Moral.

Osthues: Geschichten zu erzählen, Geschichten zuzuhören, Geschichten zu erfinden, das ist ja auch mein Beruf als Regisseurin. Ich schreibe zwar nicht, aber jede Inszenierung, die ich mit meinem Team erarbeite, ist eine Geschichte. Es ist eine uralte Möglichkeit, die eigenen Probleme, Sorgen und Glücksmomente zu spiegeln, dann darüber zu sprechen oder sich anders miteinander auszutauschen. Ich kann im Theater Welten erleben, die mir Lösungen mitgeben oder Fragen stellen für das wirkliche Leben. Ich kann tragische Geschichten erleben, ohne die tragische Erfahrung selbst machen zu müssen. Als Zuschauer bin ich Teil dieser Geschichte ohne sie wirklich erleben zu müssen. Ich weiß, es ist gespielt, aber ich bin für die Dauer der Vorstellung Teil dieser Welt. Und natürlich (oder im besten Falle) nehme ich von dem Erlebnis etwas mit. Ich mache eine Erfahrung, die mein Leben bereichern kann. Und das nenne ich Moral. Ich lerne. Für das wirkliche Leben.

Wille und Macht

Mankell: Ich glaube daran, dass sich die Welt ändern lässt. Nun, wir leben in einer irrationalen Welt, in einem ökonomisch ungerechten System, es gibt Hunger und Armut, aber ich glaube daran, dass sich das ändern lässt. Sie können es naiv nennen. Ich nenne es weise.

Osthues: Für mich ist es sehr wichtig zu wissen – und daran glaube ich – dass ich einen freien Willen habe. Ich kann mich entscheiden, welchen Weg ich im Leben einschlagen möchte. Für diese Wahl bin ich aber dann auch verantwortlich. Und wenn sich mein Gewissen meldet und sagt, das war der falsche Weg, meine Entscheidung hat Taten nach sich gezogen, die nicht gut sind, die ich nicht verantworten kann, kann ich beim nächsten Mal daraus lernen, ändere mein Verhalten und versuche mich zu entschuldigen. Leben ist immer Bewegung, Veränderung, ist nie ein gerader Weg. Immer mal wieder laufe ich in Sackgassen, gehe zur Kreuzung zurück und suche einen neuen Weg. Veränderung, Erfahrung. Ist das nicht schön?

Das Theater

Mankell: Ich glaube, die Medien können uns am besten über grausame Ereignisse informieren: Flüchtlinge, die einen fürchterlichen Tod im Container erlitten haben, Menschen, die unter Trümmern begraben liegen, Kinder, die gequält wurden. Das Theater dagegen kann sehr viel besser ausdrücken, welche Folgen es hat, wenn Menschen durch traumatische Situationen hindurch gehen oder gegangen sind. Was passiert mit ihnen, welche Art von Deformation tragen sie mit sich. Nicht das Ereignis, die Folge ist es, die mich interessiert und in dem das Theater wirkungsmächtig operieren kann.

Osthues: Und mit seinem Stück „Der gewissenlose Mörder Hasse Karlsson enthüllt die entsetzliche Wahrheit, wie die Frau auf der Brücke zu Tode gekommen ist“ gibt uns Mankell eine solche Geschichte mit. Was passiert, wenn Menschen das Gewissen fehlt. Wir werden nicht erfahren, wie das Leben von Schwalbe weitergeht. Wird er irgendwann wieder so etwas wie Gewissen spüren? Wir sehen in Hasse, wie sehr es den jetzt erwachsenen Menschen quält, dass er seit dem Erlebnis mit Schwalbe versucht hat zu glauben, er wäre stärker als sein Gewissen. Wie stark ist das Leiden, wenn man weiß, dass das Böse da ist und man es nicht ändert. Nochmal Funny van Dannen: ‚Das Böse kämpft gegen das Gute, das Gute sehnt sich nach Frieden. Und es gibt tatsächlich Leute, die glauben, es steht unentschieden’.


Foto: Andreas Schlieter