Einbruch der Wirklichkeit

 

   

 

 

 

 

 

Als im September 2015 Geflüchtete zu Tausenden an deutschen Bahnhöfen ankamen, erlebten viele Menschen in Deutschland zum ersten Mal die direkten Auswirkungen der Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Die Entscheidung Angela Merkels, die Grenzen nicht zu schließen, trug dem Recht auf Asyl, das in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert ist, Rechnung. Dennoch hält die massive Kritik an dieser Entscheidung, sowohl außen- als auch innenpolitisch, bis heute an. „2015 darf sich nicht wiederholen“ ist eine längst konsensfähige, durch nahezu alle politischen Parteien und europäischen Regierungen hindurch vertretene Meinung. Gemeint ist damit in den seltensten Fällen, dass sich die Bombardierung der Zivilbevölkerung durch das Assad-Regime und der Terror des sog. „Islamischen Staates“ nicht wiederholen dürfe. Auch nicht, dass die lebensgefährlichen Umstände der Flucht künftig durch die Einrichtung sicherer Fluchtrouten vermieden werden und die menschenwürdige Unterbringung der Geflüchteten sichergestellt werden solle. Gemeint ist, dass Flüchtende nicht mehr oder zumindest nicht in derart großer Anzahl an die innereuropäischen Grenzen gelangen dürfen.
Zu diesem Zweck schloss die Europäische Union 2016 das „EU-Türkei-Abkommen“, in dem sich die Türkei bereit erklärte, die Flüchtlingsrouten, insbesondere die sog. „Balkanroute“, abzuriegeln und so zu verhindern, dass Geflüchtete die EU betreten. Sechs Milliarden Euro lässt sich die EU diesen sog. „Flüchtlingsdeal“ kosten. Das Recht auf Asyl wurde spätestens durch Abschluss dieser Vereinbarung zur Verhandlungsmasse degradiert.
Dass die massive Kritik am Abkommen, die EU mache sich damit durch Erdoğan erpressbar, gerechtfertigt ist, zeigte sich am 28/2/2020. Der türkische Präsident öffnete die Grenzen zu Griechenland als Reaktion auf die, seiner Begründung nach, mangelnde Unterstützung der EU im Syrienkonflikt. Zehntausende Menschen erreichten in den folgenden Tagen die griechischen Grenzen und wurden dort teils gewaltsam am Übertritt gehindert. Die Geflüchteten sitzen seitdem in den Lagern der Grenzregion fest und warten auf Hilfe und Entscheidungen der EU – bislang vergeblich. Die Berichte, die Helfer*innen vor Ort insbesondere aus dem Flüchtlingslager Moria auf Lesbos liefern, schildern katastrophale humanitäre Bedingungen. Vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie droht eine beispiellose Katastrophe.

Navid Kermani war im Herbst 2015 im Auftrag des Nachrichtenmagazins »Der Spiegel« auf der „Balkanroute“ unterwegs. Unter dem Titel »Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa« veröffentlichte er seine Reportagen und beschrieb „die Lage an der türkischen Westküste. Die sog. „Europäische Flüchtlingskrise“, die 2015 ihren Anfang nahm, steuert aktuell auf einen weiteren traurigen Höhepunkt zu.

Das Ensemble des SchauSpielHauses hat gemeinsam mit Navid Kermani seine Reportagen eingelesen, um auch und gerade in Zeiten der COVID-19-Pandemie, in denen kaum Platz für andere Themen zu sein scheint, auf die Situation der Geflüchteten weltweit und insbesondere an der griechisch-türkischen Grenze aufmerksam zu machen.

Wir unterstützen den »Seebrücke«-Aufruf #LeaveNoOneBehind. Hier können Sie sich aktiv an Aktionen beteiligen oder spenden.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Navid Kermani und dem C. H. Beck Verlag für die unkomplizierte kooperative Zusammenarbeit. Hier können Sie den Titel bestellen.