Politische Theorie
von Rainald Goetz

Premiere 11/09/2020

SchauSpielHaus

In der Krise wächst der Wunsch nach durchgreifenden Entscheidungen und ja, Notwendigkeiten gibt es fraglos, das erlebt die Welt 2020. „Die Zeit des Staates ist gekommen“, schreibt im März die Züricher Zeitung NZZ. Aber ist die alte Lust, das bewegende Moment der Diktatur hier und da nicht auch zu spüren? Wird der so heftig begrüßte Notstands-Staat zum Staat unserer Zukunft? Jedenfalls hat der Wunsch im Apparat und in den Händen und Köpfen mancher Mächtiger, den Baumeister*innen staatlicher Strukturen, Tradition: wie etwa in den verfassungsrechtlichen Umbrüchen am Ende der Weimarer Republik und im Faschismus, wie aber auch in den Demokratien des 21. Jahrhunderts. Über die Gefahren solcher Entwicklungen hat Rainald Goetz ein lang erwartetes Stück geschrieben, 2007 angekündigt in seinem Blog »Klage: „Die wirklichen Situationen des politischen Betriebs selbst in Augenschein nehmen, um davon verwirrt zu werden und dadurch besser über Politik nachdenken zu können“. Über ein Jahr lang ist er regelmäßig im Bundestag präsent, beobachtet, beschreibt und filmt die Protagonist*innen des Berliner Politbetriebes im Parlament, in Untersuchungsausschüssen, in den Parteizentralen, im Bundeskanzleramt. Nun liegt der Text vor: »Reich des Todes. Politische Theorie« setzt – allerdings verblüffend – bei der amerikanischen Regierung nach 9/11 an, dem darauffolgenden Irakkrieg, den damit verbundenen Skandalen wie Guantanamo, Abu Ghraib. Wie jetzt? Blick zurück auf 2001? Wieso reagiert Götz ausgerechnet heute auf diese längst vergangenen Ereignisse, journalistisch bereits ausführlich dokumentiert? Eine allgemeine Antwort findet sich in seiner Dankesrede zur Büchner-Preisverleihung 2015: „In Wirklichkeit ist diese Verspätung Hinweis auf eine der besten Qualitäten von Literatur überhaupt.“ Der schnellen Welterfassungskompetenz des Journalismus müsse sie kämpferisch und eigen ihre Deutung von Aktualität an die Seite stellen. So untersucht Rainald Goetz in seinem neuen Stück die Kommunikation der Akteure im Weißen Haus als Modell für den Gebrauch und Missbrauch politischer Macht, fragt sich, welche Dynamiken sich in den amerikanischen Gefangenenlagern entwickelten. Welche Verfassungsbrüche, welche Menschenrechtsverletzungen legte der damals von Präsident Bush deklarierte „Krieg gegen den Terror“ nahe? Öffnete 9/11 der unheimlichen Wiederkehr autoritären Geistes in Amerika und Europa Tür und Tor? Wie funktioniert grundsätzlich die parlamentarische Regulation staatlicher Macht? „... nachts, als ich wachlag, dachte ich wieder an mein Projekt eines theoretischen Erzählens, Geschichte als Abstraktion, und ob sie denn je das Licht der Welt erblicken würde,“ notiert Goetz 2008 in »Klage«. Nun hat er das Projekt realisiert, 21 Jahre nach seiner letzten Uraufführung von »Jeff Koons« am Deutschen SchauSpielHaus.

With: Sebastian Blomberg, Eva Bühnen, Sandra Gerling, Daniel Hoevels, Josefine Israel, Markus John, Burghart Klaußner, Anja Laïs, Wolfgang Pregler, Lars Rudolph, Maximilian Scheidt, Tilman Strauß, Michael Weber, Holger Stockhaus Percussion (Bassam Abdul-Salam) Yuko Suzuki Oud: Wassim Mukdad Cello: Michael Heupel Bratsche: Anna Lindenbaum Violine: Camilla Busemann Tänzer*innen: Samuli Emery, João Pedro de Paula Tänzer*innen Sayouba Sigué

Directed by: Karin Beier Stage design: Johannes Schütz Costume design: Eva Dessecker, Wicke Naujoks Videodesign: Voxi Bärenklau Music: Jörg Gollasch Lightning: Annette ter Meulen Dramaturgy: Rita Thiele, Ralf Fiedler Einstudierung Sprechchor: Christine Groß Körpertraining und choreographische Mitarbeit: Valenti Rocamora i Tora
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